Freitag, 30. August 2013

Unterwegs in Miková – auf den Spuren von Andy Warhol



Vor nicht allzu langer Zeit besuchte ich im Nordosten der Slowakei die kleine Ortschaft Miková. Die 150-Seelen-Gemeinde liegt rund 7 Kilometer von Medzilaborce entfernt, versteckt in einer bewaldeten, nahezu unberührten Hügellandschaft der Niederen Beskiden. Aus Miková stammen Andy Warhols Eltern Andrej und Júlia Warhola (geb. Zavacká).

Will man sich in dieser Region auf die Spuren Andy Warhols begeben, muss man nicht allzu lange suchen. Bereits bei meiner Ankunft in der nächstgrößeren Stadt Medzilaborce begrüßt mich auf einer Tafel das in knalliges Gelb getauchte Konterfei Andy Warhols. Es wirbt für die schräg gegenüber stehende „Penzión Andy“. An jeder Ecke weisen Schilder auf den berühmtesten Sohn der Region hin. 


Die Einwohner von Medzilaborce beobachten mit Verwunderung den Rummel um diese fremde Berühmtheit mit russinischen Wurzeln, die in ihrem Viertel nahezu jeden Laternenpfahl schmückt. Andy Warhol ist hier weder geboren, noch setzte er Zeit seines Lebens je einen Fuß in die Gegend.

Als ich mit meiner russinischen Freundin Natália auf den Eingang des „Museums moderner Kunst Andy Warhols“ zugehe, beäugt uns auf dem großzügig betonierten Vorplatz eine Handvoll männlicher Gestalten. Sie wollen sofort von uns wissen, woher wir kommen. In der beschaulichen Ortschaft Medzilaborce spricht sich schnell herum, wenn mal wieder eine ausländische Touristengruppe aus „dem Westen“ den weiten Weg hierher gefunden hat, um den gigantischen Würfel namens „Museum moderner Kunst Andy Warhols“ zu besichtigen.


Viele der knapp 7000 Menschen in Medzilaborce haben das Museum seit seiner Gründung von vor 22 Jahren noch nie von innen gesehen, wie mir die Mutter von Natália berichtet. Dabei ist es das einzige Museum in ganz Europa, welches so gut wie ausschließlich Andy Warhols Werke in seiner ständigen Sammlung ausstellt. In Pittsburgh, Andys Geburtsort im US-Bundesstaat Pennsylvania, wurde erst drei Jahre später, im Jahr 1994, das Andy Warhol Museum, eröffnet.


Hier in Medzilaborce sind wir heute mit zwei weiteren Neugierigen die einzigen Besucher. Wir steigen eine bunt geblümte Treppe hinauf und stoßen auf der ersten Etage auf persönliche Gegenstände des Künstlers. Seine Brille, sein Taufhemd, persönliche Fotografien und auch sein Fotoapparat sind hier ausgestellt. Etwas unauffällig an einer Eckwand erblicke ich Werbekampagnen für vergangene Volkszählungen in der Slowakei. Diese wollen mit Hilfe Andy Warhols die Menschen im Nordosten des Landes davon überzeugen, sich zu ihrer russinischen Identität zu bekennen.


Ob sich der Künstler Zeit seines Lebens wirklich selbst zu seinen russinischen Wurzeln bekannt hätte, ist fraglich. „I come from nowhere,“ war Andys berühmte Floskel auf die Frage nach seiner Herkunft.

Wir betreten zahlreiche abgedunkelte Säle. Erst im Inneren des Museums wird mir bewusst, wie groß das Gebäude und die Sammlung Andy Warhols in Medzilaborce wirklich sind. Überall prangen seine Bilder an den Wänden, selbst die Tapeten sind bunt gemustert mit Ikonen oder dem Gesicht des Künstlers. Die schrillen Farben, die sich immer wiederholenden Motive haben eine meditative, fast einschläfernde Wirkung auf mich. – Oder liegt dies am fehlenden Tageslicht?

Eine Stunde später machen wir uns auf nach Miková. Von hier sind Andy Warhols Eltern zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die USA aufgebrochen. Am Ortseingang weist ein leicht verblasstes Schild auf die Herkunft des Pop-Art-Künstlers hin. In dem hohen Gras und den wuchernden Hecken wirkt es merkwürdig verlassen. Ansonsten scheint sich in diesem malerischen Ort in den letzten Jahrzehnten nicht viel verändert zu haben. Kleine Steinhäuser aus dem vorigen Jahrhundert säumen die Straße. Keine Menschenseele ist zu sehen, einzig ein streunender Hund treibt sich träge auf dem schmalen Streifen Wiese entlang der Fahrbahn herum.
 
Auf der Suche nach Andy Warhols Spuren wollen wir auf dem städtischen Friedhof die Grabsteine der Familie Warhola finden. Hinter einer dichten Wand aus hohen, dunklen Bäumen dringen Stimmen zu uns herüber. Natália spricht zu der Gruppe Menschen im Garten auf ruthenisch, die Sprache der Russinen. Sie fragt, ob sie uns den Weg zum Friedhof von Miková zeigen können. Die Bewohner rufen uns sogleich zu sich herein. Zwei Männer mit karierten Hemden und eine Frau sitzen auf der Bank und trinken gemütlich ein Nachmittagsbier. Auf die Frage, ob es noch Verwandte von Andy Warhol in dem Ort gebe, zeigt der mittlere Herr mit dem Finger stolz auf seinen Bauch. „Janko, sein Cousin höchstpersönlich.“ 


Ján Zavacký stellt sich in einem Interview, welches wir auf diese Seite stellen dürfen, als der einzige, noch im Ort lebende Cousin vor. Andy selbst sei er zwar nie persönlich begegnet, dafür aber seinen Brüdern John und Paul, als sie anlässlich der Eröffnung des Museums nach Medzilaborce kamen. Er bedauert, dass das Warhol Museum nicht in Miková stehe. Am Ende lässt er sich über die Vorzüge des Kommunismus aus. Im Anschluss führt er uns zum Friedhof von Miková. Wir stellen bald fest, dass nahezu jedes zweite Grab den Namen „Warhola“ bzw. „Zavacký“ trägt.

Aussicht vom Friedhof auf den Ort von Miková
Der Mann zeigt uns auch das Grundstück, auf dem einst das Geburtshaus Andrej Warholas, des Vaters des Künstlers, stand. Den Grundriss des ursprünglichen Steinhauses aus dem 19. Jahrhundert können wir uns heute nur noch anhand des Neubaus vage vorstellen. Hinter dem Haus erstrecken sich kilometerweit Wiesen, die in sanften, bewaldeten Hügeln des nahen Mittelgebirges münden. Rechts neben dem Steinhaus entdecken wir einen quadratischen Kasten aus verwittertem Holz. Es ist der verschlossene Zugang zum noch existierenden Brunnen, wie uns Ján Zavacký erklärt. Mit feierlicher Miene verkündet er: „Aus diesem Brunnen haben einst noch Andys Eltern getrunken!“

ehemaliges Grundstück von Warhols Eltern mit zugedecktem Brunnen
Wie Pioniere fühlen Natália und ich uns trotzdem nicht, denn gleich im Anschluss sagt der ältere Herr im Nebensatz, er habe schon etliche Medienteams an diesen Ort geführt. – Wie wahr! Kurz nach meiner Heimkehr nach Košice erkenne ich ihn im Dokumentarfilm „Absolut Warhola“ von Stanislaw Mucha wieder, nur um einige Jahre jünger und mit etwas weniger rundlichem Bauch.

Auch Košice, die diesjährige Kulturhauptstadt, möchte sich ein wenig im Glanz des Künstlers sonnen. Anfang des Monats fand eine Pop-Art-Party zu seinen Ehren statt. Im Schaufenster der Konditorei Aida prangt seit Wochen ein Plakat mit der wohl berühmtesten Konserve der Welt. Und im Wachsfigurenmuseum im Urbanturm in Košice steht unweit des ehemaligen Präsidenten Rudolf Schuster auch eine Figur des Künstlers. Darüber, ob sich Andy Warhol das wohl gewünscht hätte, können wir nur Vermutungen anstellen. Der Kontrast zwischen dem ostslowakischen, teils ländlichen Charme und dem schrillen Kult um seine Person hätte den Künstler selbst vermutlich erheitert.

Wachsfigur Andy Warhols im Urbanturm in Kaschau

Nachtrag
Der Dokumentarfilm „Absolut Warhola“ des Regisseurs Stanisław Mucha hier zu sehen.

Ein Kurzbeitrag über die russinische Minderheit, Medzilaborce und Miková ist auf minet-TV abrufbar.

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Mittwoch, 28. August 2013

Rückkehr in die windige Stadt


Foto: Mathias Budzinski


Seit meiner Ankunft in meiner neuen, alten, Heimat säuselt er um meine Ohren. Es ist der Nordwind, der fortwährend  in den Kaschauer Talkessel hineinzieht. Košice ist umgeben von einer grünen bewaldeten Hügellandschaft, die die Stadt schützend wie eine Burg umschließt und den warmen Föhn einfängt. 

Der Wind, der Wind. Wie ein treuer Begleiter durchzieht ein luftiger Strom die Gässchen und Plätze der Innenstadt. Mal ist er sanftmütig, dann flüstert er heimlich vor sich hin, mal ist er impulsiv, dann rauscht und fegt er wild über die langen Korridore bis in den hintersten Winkel. Mal pustet er inbrünstig herab auf den Marktplatz oder kitzelt verspielt wie eine Feder über die Haut.

Er ist nicht zu vergleichen mit Hamburgs böiger, manchmal beißender Brise. Der angenehme Luftstrom wanderte schon seit jeher durch das Kaschauer Tal. Auch meine Mutter ist mit ihm seit Kindertagen vertraut. Sie empfahl mir eines ihrer liebsten Kinderbücher zu lesen, welches den Wind durch die Augen eines Kindes beschreibt: „Betka a Veterné mesto“ (Betka und die windige Stadt). In diesem Roman beschreibt Božena Mačingová (*1922), eine slowakische Kinder- und Jugendbuchautorin, das Leben des Grundschulmädchens Betka in ihrer Heimatstadt Košice. 

Betka begleitet der Wind Tag für Tag, bis in ihren nächtlichen Schlaf hinein. In ihrem Traum fliegt sie über die Dächer und die Kirchtürme der Stadt. Der rauschende Wind macht manchen Kindern Angst. Doch für das Schulmädchen ist er ein ständiger Begleiter, genauso wie für mich:  „Er singt vor sich hin. Man muss ihn nur verstehen, “ sagt Betka, die Heldin des Romans an einer Stelle.

Der Kinderroman „Betka a Veterné mesto“ (Betka und die windige Stadt) aus dem Jahre 1983 ist heute nur noch im Antiquariat zu bekommen. Ich erwarb ihn beim Onlinehändler „ČierneNaBielom“ für antiquarische Bücher. Ein Stempel „Klub abstinentov“ im Buch weist auf einen eigentümlichen Vorbesitzer hin… 
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Donnerstag, 22. August 2013

Pravda – Wahrheit


Der 21. August erinnert an den Einfall der Armeen des Warschauer Paktes (UdSSR, Ungarn, Polen, Bulgarien) in die ehemalige Tschechoslowakei. Die Okkupation des Landes sollte die Reformversuche der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubček aufhalten, der eine Liberalisierung und Demokratisierung des sozialistischen Regimes anstrebte.

In Košice erinnern sich viele Zeitzeugen an den Einfall der sowjetischen Armee, als wäre er erst gestern geschehen. Auf der Fußgängerzone von Kaschau berichteten mir die Einwohner am gestrigen Tag von ihren Erlebnissen. Eine neue Tafel wurde zum Gedenken an die getöteten Bürger von Košice angebracht. Viele Menschen kamen anlässlich dieses Ereignisses zusammen. Nur eine Person fehlte, an die ich am vergangenen Tag unentwegt denken musste: Tibor Kováč.

Ich erinnere mich genau, wie aufgeregt ich gewesen bin, als ich das erste Mal den 76-jährigen Herrn im Seniorenheim besuchte. Tibor Kováč saß in seinem Rollstuhl und sah auf, als ich sein Zimmer betrat. Erst wenig später fiel mir auf, dass er an mir vorbei lugte. Denn der ältere Herr war nahezu blind. Er forderte mich lächelnd auf, mich zu setzen, was bei mir zunächst für Ratlosigkeit sorgte, denn in dem kleinen Zimmer mit dem ockerfarbenen, glänzenden PVC-Boden stand nichts außer einem Schrank, einem Bett, einem mobilen Beistelltisch und einem Tresor.

So setzte ich mich ans Fußende des Bettes und stellte mich behutsam meinem Gegenüber vor. Dieser wollte ganz genau wissen, mit wem er es zu tun hatte und fragte mich sogleich nach meinem Presseausweis. „Ich kann Ihnen auch meinen zeigen, wenn Sie wollen, ich habe ihn immer noch“, sagte der Mann und kramte etwas unbeholfen in der kleinen gelben Tasche, die er an einem Band unter dem Hemd versteckt hielt. 

Schließlich, als ich ihm erzählte, dass ich als Stadtschreiberin in Kaschau tätig bin, erhellte sich seine Miene. „Da haben wir etwas gemeinsam, Fräulein Kristina, ich darf Sie doch so nennen, oder sind Sie etwa verheiratet?“ Für einen kurzen Moment huschte ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht und ich stellte mir vor, wie gut Tibor Kováč in seinen jungen Jahren ausgesehen haben muss. - Damals, mit 31 Jahren, während des Prager Frühlings, als er noch flink und frei auf den Beinen stand und für das Technische Museum in Košice fotografierte. Ich sah ihn vor meinen Augen, wie er sich im Künstlerclub mit seiner Clique, allesamt abstrakte Künstler, traf und wie sie dort begeistert, heimlich flüsternd Alexander Dubčeks "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" diskutierten.

 „Wissen Sie, Fräulein Kristina, wir haben etwas gemeinsam…“, er legte eine bedächtige Pause ein und hob den Zeigefinger: „Beide sind wir Tageschronisten. Beide dokumentieren wir den Alltag in Kaschau. Allein schon aus diesem Grund bin ich verpflichtet, Ihnen jede Frage nach besten Wissen und Gewissen zu beantworten. Das ist meine Pflicht als Journalist gegenüber der Öffentlichkeit!“ Mit feierlicher Miene und einem nachdrücklichen Ruck lehnte er sich in seinem Rollstuhl zurück. Es trat eine kleine Pause ein und ich konnte mir ein breites Lächeln nicht verkneifen. Ich war ehrlich begeistert.

„Ich habe noch bis vor kurzem täglich die Stadt fotografisch dokumentiert. Unabhängig davon, was mir damals zugestoßen ist, “ sagte Kováč und zeigte erklärend auf sich und seinen Rollstuhl herunter. Der Tag des 21. August 1968, vor genau 45 Jahren, sollte Tibor Kováčs Leben verändern. Da sich Košice nahe der ukrainischen Grenze befindet, erreichten die russischen Panzer die Innenstadt bereits gegen vier Uhr in der Früh. Niemand hatte mit einer Besatzung des „Brudervolkes“ gerechnet. „Ich erinnere mich an jenen Tag, wie heute. Das sind schreckliche Momente. Zufällig habe ich am Morgen um 8 Uhr die Nachrichten im Radio gehört. Erst dachte ich, es handele sich um ein Hörspiel. Dann kam ich aber schnell darauf, dass es um eine ernste Sache geht. Ich packte geschwind meinen Fotoapparat ein und eilte in die Innenstadt, wo ich schon einen großer Menschenauflauf vorfand.“

Etwa 1200 Menschen versammelten sich auf einer Kreuzung, als Tibor Kováč zu früher Stunde den Ort des Geschehens erreichte. Protestplakate wurden hochgehalten „Wir sind für Dubček“, „Es lebe die Freiheit“ „Es lebe die Demokratie“. Pikanterweise protestierten die Menschen an jenem Morgen auf dem „Platz der Befreier“ gegen die russische Armee, genau an jenem Ort, auf dem ein gigantisches Denkmal an die sowjetischen Soldaten erinnert, die zum Kriegsende von 1945 die Stadt befreiten.

Foto: Tibor Kováč, 21.08.1968
Kováč sah viele ratlose Gesichter angesichts der rollenden Panzer, die in Reih und Glied an den Einwohnern von Košice vorbezogen. Dennoch blieb es bis auf einige Backsteinwerfer relativ friedlich auf dem Platz. Einige Menschen versuchten mit den russischen Soldaten zu diskutieren, andere boten ihnen hämisch Brot und Salz an, ein gebräuchlicher Willkommensgruß.

Foto: Tibor Kováč, 21.08.1968
„Die Russen waren total desorientiert. Sie erwarteten einen militärischen Aufstand. In einem Transistorradio hörte ich, dass die Rede von einer Konterrevolution war, “ erinnerte sich Kováč. Er fotografierte die Ereignisse, bis er gegen 11.30 Uhr den Platz verließ, um Batterien für seinen Fotoapparat zu wechseln. Kurz darauf kehrte er wieder zurück. Inzwischen war die friedliche Stimmung gekippt. „Ein Junge hat einen Stein auf einen Panzer geworfen, daraufhin wurde er erschossen. Nachdem der erste Schuss in die Menschenmenge gefallen ist, ist die Situation eskaliert. Die Leute fingen an die Panzer anzuzünden und die militärischen Wagen umzuwerfen, “ fuhr er fort.

Foto: Tibor Kováč, 21.08.1968

Das letzte Motiv, welches Tibor Kováč an jenem Tag aufnahm, war jenes eines Panzers: im Hintergrund war ein Gebäude auf dem „Platz der Befreier“ zu sehen. Auf dem Dach des Hauses war die Aufschrift „Pravda“ (Wahrheit) angebracht, der Schriftzug einer Tageszeitung. Seine Fotografien ließ er noch am selben Tag in seinem Fotolabor entwickeln.

Am Abend auf dem Heimweg kehrte er zurück zum „Platz der Befreier“. Inzwischen war kaum eine Menschenseele zu sehen. Stille war eingekehrt. Einige letzte Panzer rollten über die Straße. „Ich wollte die letzte Straßenbahn nehmen. Dann plötzlich hörte ich ein Knacken, “ sagte Kováč. Es war 20.10 Uhr. Eine Kugel hatte den Fotografen im Kopf getroffen.

Tibor Kováč überlebte den Kopfschuss. Ärzte kämpften tagelang um sein Leben. Eine Freundin hatte ihm vier Tage später seine Aufnahmen vom 21. August ins Krankenhaus geschmuggelt. „Damit haben wir ein Stück Kaschauer Geschichte in Sicherheit gebracht!“, sagte er heute mit Abstand. Es gelang ihm bis zum Mauerfall die Fotografien versteckt zu halten. Von der Geheimpolizei wurden er und sein Umfeld aber mehrmals verhört.


Als ich ihn bei einem anderen Besuch bat, mir seine Fotografien vom Tag der Besatzung zu zeigen, veränderte Kováč augenblicklich die Miene und mahnte mich leiser zu sprechen. „Wir werden alle überwacht“, raunte er mit Furcht in der Stimme. Seine körperliche Verletzung ist ihm anzusehen. Doch was die vielen Jahre des real existierenden Sozialismus psychisch in ihm auslösten, bleibt für die Augen unsichtbar.

Tibor Kováč stellte seine Fotografien erstmalig im Jahr 2000 im Technischen Museum von Košice aus. Eine Entschädigung hat er nie erhalten. Er lebt heute zurückgezogen in einem Seniorenheim.

Aufschrift: Kováč R-O-V - Hackfleisch
Bei Protesten der Zivilbevölkerung im Zuge der Besetzung starben in der Slowakei 29 Menschen. In Košice starben am Tag der Invasion sechs Bürger und mindestens 57 Personen wurden verletzt.

Anmerkung: alle Fotografien dürfen mit freundlicher Genehmigung von Tibor Kováč auf dieser Seite veröffentlicht werden.

Weitere, erstmalig veröffentliche Fotografien sind hier zu finden.

Filmaufnahmen vom Einfall der sowjetischen Armee in die Stadt Kaschau am 21.08.1968

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Montag, 19. August 2013

Vom singenden und fliegenden Vogel Iva Bittová


Im Rahmen des Sommerfestivals in Kaschau "Leto v parku" (Sommer im Park), gab die tschechische Sängerin, Komponistin und Violinistin Iva Bittová zusammen mit der Gruppe Čikori am vergangenen Samstag ein Konzert auf dem ehemaligen Kasernengelände (Kasarne/Kulturpark). Iva Bittová ist eine international bekannte Künstlerin. In ihrer Heimat ist sie eine bedeutende Erscheinung in der alternativen Szene.

Mit einer Mischung aus Jazz, Folklore, Klassik und Klängen aus dem Urwald verzauberte die Künstlerin nicht nur mich mit ihrem kindlichen Charme. Ihre Einlagen als singender und fliegender Vogel sind einmalig. Viele junge Kaschauer sangen ihre Lieder lauthals mit. An ihren lächelnden Gesichtern war zu erkennen, dass sie als Kinder mit Musikkassetten Iva Bittovás aufgewachsen sind…Für mich war sie eine echte Entdeckung.

  

Iva Bittová wurde 1958 in Bruntál in Mähren geboren, beide Elternteile waren Musiker. Ihr Vater, Koloman Bitto, der seiner südslowakischen Heimat sehr verbunden war, konnte nahezu jedes Instrument spielen, sowohl im klassischen Stil als auch in der Folklore. Er gab sein Talent an Iva und ihre beiden Schwestern weiter.

In ihren jungen Jahren erhielt Iva Ballett- und Geigenunterricht. Im südmährischen Brünn besuchte sie ein sogenanntes "Konservatorium", eine Mittelschule in Tschechien und der Slowakei mit musischem Schwerpunkt. Bereits während ihrer Schulausbildung spielte sie in dem experimentellen Theater in Brünn "Gans an der Schnur". Später trat sie im Fernsehen sowie in verschiedenen Filmen auf und arbeite als Theaterschauspielerin.

Nach dem frühen Tod ihres Vaters entschied sie sich, als Musikerin und Komponistin, in seine Fußstapfen zu treten. Sie konzentrierte sich fortan verstärkt auf ihre musikalische Ausbildung und begann ab 1982 Geige zu studieren. 

Nachdem 17 Jahre lang die ländliche Region bei der Stadt Brünn ihr Zuhause gewesen war, übersiedelte sie 2007 in die USA. Dort lebt sie im grünen Hinterland News Yorks im Hudson-Tal. Ihr 1991 geborene Antonín ist ebenfalls Musiker.

Mehr Infos zu ihrer Musik und ihren aktuellen Konzerten gibt es hier.  Noch mehr zu sehen und zu hören hier.


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Sonntag, 18. August 2013

Interview für das Interkulturelle Magazin des Bayerischen Rundfunks


Das Interview in der Radiosendung B5 aktuell - Das interkulturelle Magazin ist hier zu hören, der Einzelbeitrag hier:
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Rundfunks. Ansonsten beachten Sie bitte, dass die eingangs zu hörende Nutzungsbestimmung gilt.

Sendezeit: Sonntag, 11.August um 13.05 Uhr

Das Gespräch führte André Vincze
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Freitag, 16. August 2013

Ein Stück Heimat im Gepäck


„Fühlst du dich hier Zuhause in der Stadt?“, werde ich oft gefragt. Mit "hier" ist Košice/Kaschau gemeint, die slowakische Stadt, in der ich zufällig geboren wurde. Zuhause. - Ist es das wirklich? Heimat. Welche Bedeutung kommt ihr zu, wenn Menschen meiner Generation ständig ihre Tasche packen und sich auf den Weg machen zum nächsten Projekt. Immer auf Achse. So frei und doch so rastlos zugleich. 

Neulich traf ich Peter Korchnak aus Portland, Oregon. Der gebürtige Kaschauer verließ vor zehn Jahren der Liebe wegen den europäischen Kontinent. Peter erzählte mir, wie er vor Kurzem seinen Job kündigte, sein Haus und Auto verkaufte, und nun ein Jahr lang mit seiner Ehefrau durch die Welt reist. Seiner Meinung nach ist Zuhause dort, wo die eigene Zahnbürste ist. Darüber schreibt er auch auf seinem Blog.

Es stimmt, viel Materielles braucht es gar nicht, um sich wohl zu fühlen, solange einen die Menschen herzlich empfangen. Auf einen Gegenstand könnte ich dennoch nie verzichten: Bei meinem Auszug aus dem Elternhaus bekam ich einen kleinen Espressokocher. Er begleitet mich seitdem auf Schritt und Tritt. Bei jedem Umzug landet er in meinem Rucksack. Und das schon seit acht Jahren.

Immer auf dem „Sprung“ zu sein und mit wenig Gepäck zu reisen, kennt auch József Tamás Balázs, kurz BaJóTa. Der ungarische Künstler hat ebenso wie ich für ein paar Monate in Košice Unterschlupf gefunden. Seinen Aufenthalt verdankt er dem internationalen Programm „K.A.I.R. – Košice Artists in Residence“. Das mehrmonatige Stipendium für Nachwuchskünstler beherbergte seit dem Jahr 2010 etwa 30 ausländische Künstler und schickte 20 junge Slowaken in die Welt.

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich BaJóTa das erste Mal im Fabricafe derTabačka Kulturfabrik“* begegnete. Es war Mitte April und BaJóTa, „der Neue“ Artist in Residence aus Budapest wandelte lautlos ins Café. Sein Gang war so unauffällig, als schwebte er über den Boden. Seine Art sich zu bewegen und zu reden war behutsam und bedächtig. Auf Anhieb erweckte BaJóTa meine Sympathie. 

Wir unterhielten uns über sein künstlerisches Projekt in Košice. Im Unterschied zu anderen kreativen Geistern, versank BaJóTa nicht in ellenlangen Selbstreflexionen über sein Werk, deren tieferen Sinn ich nur im Entferntesten erahnen konnte. Er sinnierte hingegen darüber, wie er seine großen, sperrigen Arbeiten nach Ausstellungsende von A nach B transportieren werde. Der junge Bildhauer berichtete von auseinandernehmbaren Holzelementen und handlichen Papierfalttechniken. Fast enttäuscht war ich von solch unfassbarer Bodenständigkeit eines Künstlers und bemerkte dabei gar nicht, dass die Ausführungen  Gegenstand seines eigentlichen Projektes waren. Zugleich waren sie auch seine intimsten Gedanken und Zweifel. Denn der Künstler erzählte von seinem rastlosen, zuweilen ratlosen Dasein, der fortwährenden Mobilität und Flexibilität, die er sich selbst abverlangte.

Letzte Woche konnte ich mir ein Bild davon machen, als BaJóTas Ausstellung in einer Halle auf dem Gelände der ehemaligen Tabakfabrik eröffnet wurde.




Der Künstler schreibt über seine Arbeit: “I deal with the subject of leaving your homeland. The keywords linked to the concept of the installation are: home and wanderlust, social integration, modern migration and cultural globalisation.” 

BaJóTa in seinem Studio

BaJóTa inspirieren die mobilen Holzzäune aus seiner Heimat im ländlichen Transsilvanien, mit denen Schafhirten von Wiese zu Wiese zogen. Diese mobilen Zäune und Schindeldächer aus Kiefernholz sind ihm seit Kindesbeinen vertraut. Für das Studium verließ BaJóTa seine Heimat. Jetzt holte er sie ganz nah zu sich zurück, und zwar direkt auf den Rücksitz seines kleinen roten Fiats. Ende August zieht BaJóTa mit seinen Kunstwerken weiter. Auf, zum nächsten Projekt.


Nachtrag


BaJóTas Ausstellung „Utopiatrap“ ist dienstags bis donnerstags von 17-19 Uhr bis zum 31.August zu sehen. (Ort: Strojárenska 3, durchs Eingangstor gelangt man über zwei Innenhöfe zur Ausstellung)

Das leerstehende Fabrikgelände wird von selbständigen Künstlern, Designergruppen u. a. für ihre Arbeiten zu günstigen Mietpreisen genutzt. Die Räumlichkeiten gehören dem Kulturzentrum des Selbstverwaltungsbezirkes Košice, welches dort auch ansässig ist.

Im Innenhof der ehemaligen Tabakfabrik
*Die „Tabačka Kulturfabrik“, befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Tabakfabrik in der Nordstadt. Sie hat sich zu DEM Treffpunkt für die junge Künstlerszene entwickelt und stellt das alternative Pendant zur städtischen „Hochkultur“ dar. Neben Parties, Filmabenden, Theatervorstellungen und Vorträgen organisiert sie jährlich das Open Air Festival POKEfest. Die „Tabačka“ bringt ein Stück Industriekultur nach Košice und ist ein lebendiger, unabhängiger Raum für junge Kreative.

Im Innenhof des "Fabricafe Tabačka“
 

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